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Singen und Erkältung

Singen und Erkältung

Der Herbst hat begonnen und mit ihm die Erkältungssaison. Wie kann ich mich als Sänger oder Sängerin vor Erkältungen schützen? Was tun, wenn ein Konzert ansteht und ich erkältet bin? Ich wollte es genau wissen und habe diese und viele andere Fragen dem Hals-Nasen-Ohrenarzt Dr. Markus Reimers gestellt. Er war so freundlich, mir meine Fragen ausführlich zu beantworten.

Meine Schülerinnen und Schüler haben verschiedenste Ideen, wie man den Winter erkältungsfrei überstehen kann. Das reicht von der regelmässigen Einnahme von Knoblauchzehen über kalt Duschen oder das Einnehmen von Produkten wie Echinacea oder Cistus Kapseln. Herr Reimers, was können ich und meine Schüler und Schülerinnen unternehmen, um den Winter erkältungsfrei zu überstehen?

Man ist sicher in den Wintermonaten ein bisschen trockener im Halsbereich, und der Halsbereich ist oft die Eintrittspforte für eine Erkältung. Meistens sind es virale Infekte. Es gibt etwa zwei- bis dreihundert verschiedene Virengruppen. Statistisch haben Erwachsene 2-3 Akutinfekte der oberen Atemwege pro Jahr. Etwas dagegen machen, kann man eigentlich nicht und mit den vielen Hausmitteln, die man kennt, lindert man nur die verschiedenen Symptome. Das Immunsystem aufpeppen, damit es widerstandsfähiger wird, ist im Prinzip nicht möglich. Die Ergebnisse aus der Alternativ- und Naturheilmedizin sind statistisch nicht relevant. Ansteckend ist aber nicht die Luft, sondern das Sekret.

Das einzige was man präventiv unternehmen kann, ist die Hände zu desinfizieren. Damit unterbricht man den Übertragungsmechanismus. Wenn jemand überdurchschnittlich viele Infekte durchmacht oder sehr lange krank ist, muss man untersuchen, ob eine andere Erkrankung dahintersteckt.

Ich hatte letzten Frühling einen Schüler, der zu mir kommen wollte, um sich auf ein wichtiges Konzert vorzubereiten. Ich hatte etwas Schluckweh, habe aber die Stunde trotzdem gehalten. Am nächsten Tag war ich komplett heiser und es plagten mich Gewissensbisse. Was, wenn ich diesen Schüler nun vor seinem Konzert angesteckt habe? Hätte ich die Stunde absagen sollen? Kann man sagen, bei Schluckweh sollte man nicht unterrichten, um andere nicht anzustecken?

Das kann man so nicht sagen. Der Schluckweg ist häufig die Eintrittspforte für die Viren. Jeder Mensch hat seine Anfälligkeiten und das Virus hat seine Affinitäten. Einige Viren schlagen eher auf die Nase, andere schlagen eher auf den Kehlkopf. Sie hatten am Unterrichtstag einen beginnenden Infekt, das scheint mir aber nicht matchentscheidend. Direkt werden Sie den Schüler nicht angesteckt haben. Er könnte sich aber anstecken, wenn Sie in die Hand husten, im nächsten Moment die Türklinke anfassen und der Schüler dann ebenfalls die Türe anfasst und dann die Hand zum Mund oder zur Nase führt. Das gleiche gilt, wenn man in die Hand hustet und dann dem Schüler oder der Schülerin die Hand gibt. Das gefährliche ist nicht Ihre Präsenz, sondern ihr Handschlag!

Kann er sich auch nicht anstecken, wenn ich ihm zum Beispiel das Lippenflattern vorzeige?

Eigentlich nicht. Es gibt lustige Studien. Da kann eine Person krank sein und die andere Person gesund. Wenn man die Personen zusammenführt und sie drei Stunden gemeinsam jassen, steckt sich der Gesunde trotzdem nicht an. Das Infektionsrisiko über den Luftweg ist relativ gering.

Also auch lüften ist gar nicht nötig? Die Übertagung geht wirklich nur über die Hand?

Ja. Deswegen rate ich Ihnen bei Infektionen die Anschaffung eines Steriliumfläschchens und die Hände mehrmals am Tag zu desinfizieren, um sich und ihre Schüler und Schülerinnen zu schützen, so wie man das auch im Spital macht. Wir sind eigentlich „infektiologische Wildsäue“. Wir pflegen einen relativ intimen Kontakt. Wir geben uns die Hand, wir geben uns Küsschen. Im Gegensatz zum Beispiel zur asiatischen Kultur, bei der man mehr Distanz pflegt.

Infiziert man sich über die Nasenschleimwege oder über den Mund?

Eher über den Mund. Ganz genau kann man es nicht sagen.

Mit welchen Symptomen sollten meine Schülerinnen und Schüler das Singen bleiben lassen?

Wenn sie eine Stimmstörung haben und heiser sind wegen eines Infekts, sollten sie die Stimme nicht beanspruchen.

Angenommen, ein Schüler oder eine Schülerin von mir hätte einen Infekt aufgelesen und das vor einem wichtigen Konzert. Ich schicke den Schüler oder die Schülerin zu Ihnen in die Sprechstunde. Was unternehmen Sie?

Bei der Untersuchung sieht man meist nicht sehr viel, ausser vielleicht einer Rötung. Es sind fast immer virale Entzündungen. Gegen den Virus kann man nichts machen. Es gibt kein Antivirenmittel, welches sinnvoll ist. Es sind grundsätzlich selbstlimitierende Erkrankungen. Der Körper setzt sich mit dem Virus auseinander. Man ist ein paar Tage oder vielleicht 2-3 Wochen krank und dann wieder gesund. Alles was ich an Bonbons schlucke oder auch an Medikamenten spraye hat keine direkte Wirkung, da weder mit dem einen noch mit dem anderen der Kehlkopf erreicht werden kann.

Was man tun kann, ist inhalieren, um die Schleimhäute zu befeuchten und abzuschwellen. Was den Sänger oder die Sängerin behindert, ist die Heiserkeit welche durch die angeschwollenen Stimmlippen verursacht wird. Da gilt im Prinzip die Stimmschonung. Man lässt dem Organ Zeit. Das ist wie ein Läufer, der seine Beine übersäuert hat und eine Pause braucht. Wenn aber ein Sänger oder eine Sängerin eine grosse Tournee hat und es um hunderttausende von Franken geht, ist der Druck manchmal zu gross, um ein Konzert abzusagen. Hier kann man den Sänger oder die Sängerin mit einer geringen Dosis Kortison dopen. Ob man sich zu diesem Schritt entscheidet, erfordert ein individuelles Abschätzen der Situation.

Nimmt man das Oral ein?

Ja, als Tabletten.

Wie schnell wirkt das?

Es wirkt sehr schnell.

Kann man die Stimme innerhalb von einem Konzert schädigen, wenn ich einen Infekt habe und trotzdem singe?

Man belastet ein infiziertes Organ. Es kommt wohl darauf an, wie lange und wie intensiv der Auftritt ist. Hier spielen verschiedenste Faktoren zusammen. Aber man kann durchaus eine leichte Stimmverletzung generieren, wie zum Beispiel einen hämorrhagischen Stimmlippenpolypen.

Reduziert sich diese Gefahr, wenn ich die Schwellung auf den Stimmbändern mit Cortison wegnehme?

Mit dem Kortison reduziere ich die Schwellung, das Organ ist aber nach wie vor krank. Mit dem Kortison heile ich keinen Prozess. Das Risiko bleibt sich wahrscheinlich gleich. Man wird auch nicht schneller gesund. Man baut nur die Schwellung effizient ab, um die Qualität der Stimme zu verbessern. Kortison ist sicher das Mittel, welches am potentesten wirkt. Das Problem ist, wenn Kortison hoch dosiert gegeben wird. Tief dosiert, kann ich es aber empfehlen, weil man damit einen guten Abschwelleffekt für die feinen Organe erzielen kann.

Wann gehe ich zum Phoniater und wann zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt?

Wenn man ein chronisches Stimmproblem hat, dann sollte man zum Phoniater gehen, da er mit seinem Equipment die Stimme genauer untersuchen kann und auf Stimmstörungen spezialisiert ist. Bei einem akuten Problem ist man beim Hals- Nasen-Ohren-Arzt gut aufgehoben.

Meine Schüler und Schülerinnen fragen mich immer wieder, was ich Ihnen für ein Hausmittel empfehlen kann bei einer Erkältung. Was kann ich ihnen raten?

Da bin ich der Falsche. Sowieso, muss man zuerst immer die Symptome ansehen.

Bei Schluckweh?

Ich nehme selber 10mg Kortison und einen betäubenden Mundspray gegen die Schluckschmerzen. Aber den Prozess kann man nicht aufhalten. Es gibt kein Wundermittel. Man kann sich nicht gegen die Erkältung imprägnieren. Es sind Prozesse die ablaufen. Es sind viele Faktoren welche zusammenspielen, wie individuelle Prädispositionen, temporäre Schwankungen oder die Aggressivität des Erregers. Wenn man im Jahr 2-3 Infekte mit der Dauer von 2-3 Wochen hat, bewegt man sich im normalen Bereich. Eltern und andere Personen mit engem Kontakt zu Kleinkindern haben mehr Infekte, da Kleinkinder bis zu 6 Infekte pro Jahr haben können. Die Therapie ist immer Symptom orientiert. Bei Schluckweh kann man also mit Gurgellösungen oder Sprays versuchen die Symptome zu lindern.

Wie ist es mit hausgemachten Gurgellösungen?

Früher machte jeder Arzt seine eigene Gurgellösung, verkaufte sie und versicherte, dass seine Gurgellösung die Beste sei. Sie können mich genauso gut fragen: »Was ist das beste Auto? Die beste Musik?». Das ist absolut individuell.

Sie haben vorher das Inhalieren angesprochen.

Wenn sie im Kehlkopf eine Wirkung haben wollen, müssen Sie inhalieren.

Mit Salzwasser?

Zum Beispiel. Studien zeigen, dass es keine Rolle spielt, mit was man inhaliert. Es geht um die Befeuchtung.

Helfen Luftbefeuchter?

Leider kann man mit dem Luftbefeuchter auch das Meeresklima nicht simulieren.

Viele Sänger und Sängerinnen lutschen Glycerinpastillen. Wirkungslos?

Ich sage dem: «Fisherman’s Friends-Effekt». Man hat das Gefühl von Frische, im Kehlkopf aber null Effekt. Das ist der springende Punkt. Der Kehlkopf kommt mit nichts, das Sie schlucken, in Berührung. Der obere Rachen gehört natürlich auch zum Phonationsraum. Wenn dort etwas gereizt ist, hat ein Bonbon möglicherweise die Wirkung von einer beruhigenden Salbe. Im Kehlkopf erzielt man aber keinen Effekt.

Gibt es etwas, das Sie noch anfügen möchten?

Bewahren Sie Gelassenheit! Eine Erkältung ist ein biologischer Prozess, der abläuft. Nehmen Sie einen Fussballer, welcher seinen Fuss verknackst hat. Wenn das Organ krank ist, ist Einsatzpause angesagt!

Ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses aufschlussreiche Gespräch!

 

 

Dr. med. Markus Reimers
FMH ORL spez. Hals- und Gesichtschirurgie
Spitalgasse 4
CH – 3011 Bern
Telefon +41 31 312 15 45

http://www.praxis-reimers.ch

 

Fazit für meine Schülerinnen und Schüler

Wenn ihr erkältet seid und euch aber gut fühlt, dann könnt ihr trotzdem in die Gesangsstunde kommen. Halten wir es doch asiatisch: Küsschen und Handschlag müssen jetzt nicht unbedingt sein. Nein, wir werden nicht singen! Euer Organ braucht eine Ruhepause! Wir werden Rhythmen klatschen, Theorie anschauen oder Klavier spielen.

Bevor ihr in die Stunde kommt, wäre es nett, wenn ihr vorher die Hände wascht oder noch besser sie desinfiziert. Ich werde dasselbe tun, sollte ich erkältet sein. (Ein Fläschchen findet ihr neuerdings im Bad auf dem Spülbecken.)

Gegen die Erkältung selber könnt ihr leider nicht viel tun. In 2-3 Wochen ist der Spuk wieder vorbei. Euer Körper setzt sich mit dem Virus auseinander und meistert das von alleine. Gebt ihm Zeit! Unterstützend könnt ihr allenfalls mit einer Salzlösung oder Kamillentee inhalieren.

Wenn ihr ein Konzert singen müsst und ihr erkältet seid, gilt es individuell abzuschätzen wie ihr vorgeht. Ein Konzert zu singen mit einem infizierten Kehlkopf ist in jedem Fall ein Risiko. Falls ihr also nicht gerade im Hallenstadion auftretet, rate ich euch, das Konzert eher abzusagen. Wenn es doch das Hallenstadion ist – dann sucht Dr. Reimers an der Spitalgasse in Bern auf. Er wird euch weiterhelfen!

 

Der Schluckvorgang visuell veranschaulicht

Mit diesem kurzen Film könnt ihr sehen, warum weder Sprays, noch Tees oder Bonbons dem entzündeten Kehlkopf helfen.

Führt eure Hand zu eurem Kehlkopf und schluckt. Vermutlich könnt ihr jetzt spüren, wie sich der Kehlkopf auf und ab bewegt. Eure Stimmlippen befinden sich im Kehlkopf und bilden den Abschluss der Luftröhre. Im Film sieht man die Stimmlippen so dargestellt:

Was man im Film nicht sieht, ist, dass sich auch die Stimmbänder beim Schluckvorgang schliessen. Der Speisebrei rutscht über den Kehldeckel in die Speiseröhre, welche sich hinter der Luftröhre befindet. Der Kehlkopf wird beim Schluckvorgang komplett abgeschlossen und kommt mit Nahrung nicht in Berührung. Ein geniales System welches verhindert, dass Nahrung in die Luftröhre und somit in die Lungen gelangt!

 

 

Dieser Beitrag hat 4 Kommentare

  1. Top Blog! Danke vielmals für dieses interessante Interview!! Liebe Grüsse Dani

  2. danke taja für den interessanten artikel!
    lg, isa

  3. du stellst super Fragen! danke Taja!

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